Ein unauffälliger LDL-Wert schließt ein erhöhtes Herzinfarktrisiko nicht automatisch aus.
Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist ein Cholesterin-Partikel, dessen Konzentration im Blut zum größten Teil erblich festgelegt ist. Anders als das klassische LDL-Cholesterin lässt sich Lp(a) durch Lebensstiländerungen oder die heute am häufigsten verordneten Statine kaum beeinflussen. Trotzdem gilt ein erhöhter Lp(a)-Wert als eigenständiger Risikofaktor für Herzinfarkt und eine Verengung der Aortenklappe, schwächer auch für Schlaganfall (Kronenberg 2022). Weil Lp(a) bei den üblichen Blutfettwerten nicht mitbestimmt wird, kennen die meisten Menschen ihren Wert nicht.
Die Europäische Atherosklerose-Gesellschaft (Kronenberg 2022), die europäischen Leitlinien zu Blutfetten (Mach 2025) und die US-amerikanische Lipid-Gesellschaft (Koschinsky 2024) empfehlen, Lp(a) mindestens einmal im Erwachsenenleben zu bestimmen. Werte unter 30 mg/dl (unter 75 nmol/l) gelten als unauffällig, Werte über 50 mg/dl (über 125 nmol/l) als deutlich erhöht; dazwischen liegt ein Graubereich. Auch die US-amerikanische Cholesterin-Leitlinie wertet ein Lp(a) ab 50 mg/dl als Faktor, der das Risiko verstärkt (Grundy 2019). Die Einheiten mg/dl und nmol/l lassen sich nicht exakt ineinander umrechnen; vergleichen Sie Werte deshalb am besten innerhalb desselben Labors.
Große Auswertungen von Statinstudien zeigen: Statine senken das LDL-Cholesterin deutlich, das Lp(a) dagegen kaum (de Boer 2022; Willeit 2018). Menschen mit einem Lp(a) über 50 mg/dl hatten auch unter Statintherapie ein um etwa 30 bis 40 Prozent höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse als Menschen mit niedrigen Werten, auch wenn ihr LDL-Cholesterin gut gesenkt war (Willeit 2018; Bhatia 2024). Das ist kein Grund, ein Statin abzusetzen: Gerade bei hohem Lp(a) und hohem Gesamtrisiko raten die Leitlinien zu einer konsequenten Senkung des LDL-Cholesterins (Mach 2025).
Als Fachärzte für Allgemeinmedizin und Anästhesie, Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, und zertifizierte Longevity-Coaches haben wir Patienten versorgt, die trotz guter LDL-Werte einen Herzinfarkt erlitten haben. Ein erhöhtes Lp(a) ist eine von mehreren möglichen Erklärungen; ob es im Einzelfall beteiligt war, lässt sich meist nicht sagen.
Dass Lp(a) Gefäßschäden mitverursacht, stützen genetische Studien: Menschen mit erblich höherem Lp(a) erleiden häufiger Herzinfarkte (Kamstrup 2009; Burgess 2018), und erhöhtes Lp(a) wird auch mit einer Verengung der Aortenklappe in Verbindung gebracht (Thanassoulis 2013). Ein Medikament, das gezielt zur Senkung von Lp(a) zugelassen ist, gibt es bislang nicht. Neue Wirkstoffe senken Lp(a) in Studien je nach Dosis um 35 bis über 90 Prozent (Tsimikas 2020; Nissen 2025). Ob dadurch Herzinfarkte und Schlaganfälle seltener werden, ist offen: Die erste große Studie mit dem Wirkstoff Pelacarsen hat ihr Hauptziel nach Angaben der Hersteller im September 2026 verfehlt; die vollständigen Daten stehen noch aus (Kommentar im American Journal of Medicine 2026), weitere Studien laufen bis voraussichtlich 2028 bis 2031.
Einige zugelassene Cholesterinsenker senken Lp(a) nebenbei mit: PCSK9-Hemmer um etwa ein Viertel (O'Donoghue 2019), der im September 2026 in der EU für erhöhtes LDL-Cholesterin zugelassene Wirkstoff Obicetrapib um etwa ein Drittel (Nicholls 2026). Für die Lp(a)-Senkung sind sie nicht zugelassen, und ob dieser Nebeneffekt das Risiko zusätzlich senkt, ist nicht belegt. Bei einem Lp(a) über 60 mg/dl, normalem LDL-Cholesterin und einer trotz bestmöglicher Behandlung nachweislich fortschreitenden Gefäßerkrankung kann die gesetzliche Krankenkasse im Ausnahmefall eine regelmäßige Blutwäsche (Lipoproteinapherese) übernehmen (G-BA).
Eine einmalige Bestimmung von Lp(a) kann helfen, Ihr Herz-Kreislauf-Risiko genauer einzuschätzen; der Wert bleibt meist ein Leben lang ähnlich. Ist er erhöht, empfehlen die Fachgesellschaften, die übrigen Risikofaktoren früh und konsequent zu behandeln, vor allem das LDL-Cholesterin, aber auch Blutdruck, Blutzucker und Rauchen (Kronenberg 2022; Mach 2025). Ein gesunder Lebensstil senkt Lp(a) selbst kaum, kann aber das Gesamtrisiko günstig beeinflussen. Da Lp(a) vererbt wird, kann es sinnvoll sein, dass auch nahe Verwandte ihren Wert bestimmen lassen. Besprechen Sie einen auffälligen Wert mit Ihrem behandelnden Arzt, der ihn in die Gesamtbewertung Ihres Risikos einordnet.
Welche Werte wir in der Praxis bestimmen, lesen Sie unter Longevity-Blutwerte. Was die Diagnostik kostet, steht unter Leistungen & Preise.
Im kostenlosen Kennenlerngespräch klären wir, welche Werte in Ihrer Situation aussagekräftig sind — und welche Sie sich sparen können.
Kostenloses Kennenlerngespräch buchen